Montag, 22.10.2018

Erfahrungen mit Salvacyl® (Wirkstoff: Triptorelin)

von Jonas

 

Ich heiße Jonas und bin 44 Jahre alt. Seit meiner Kindheit und Jugend bin ich im Kern homopädophil. Seit Anfang 2002 befinde ich mich in psychotherapeutischer Behandlung im Maßregelvollzug. Seit 2007 arbeite ich auch wieder als Kassierer in einem örtlichen Tankstellenbetrieb. Seit Ende 2010 wohne ich nunmehr in einem Wiedereingliederungs-Wohnheim um mich auf die Freiheit, in einer ganz neuen Welt, als der, die ich bisher kannte, intensiv vorzubereiten. Alle, die noch mehr über mich wissen möchten – auch um meine Erfahrungen mit Medikamenten besser zu verstehen –, können sich meine ganze Lebensgeschichte auf 55 Seiten hier auf dieser Seite herunterladen. (siehe Wie wird ein Pädophiler zum Täter?)

In diesem Text möchte ich Euch von meinen ganz persönlichen Erfahrungen mit einem triebdämpfenden Medikament erzählen.

Falsche Vorurteile oder einfach nur Angst vor Nebenwirkungen hört man von Pädophilen leider viel zu oft als Begründung dafür, sich nicht mit dieser Präventionsmöglichkeit befassen zu wollen. Viele haben auch Angst davor ihre Sexualität, die Ihnen oft sehr viel bedeutet, zu verlieren und damit nicht leben zu können. Viele weitere Vorurteile und Ängste gehen in der Öffentlichkeit um. Diese können dazu führen, dass sehr viele Pädophile auf eine triebdämpfende Behandlung – ja sogar auf Hilfe im Allgemeinen – verzichten, obwohl sie diese dringend bräuchten, damit niemals ein Kind zu Schaden kommt.

Die Vorurteile und Ängste sind verständlich, aber aus meinen eigenen Erfahrungen heraus nicht immer gerechtfertigt. Des Weiteren möchte ich – wie immer wenn ich etwas schreibe – zum Nachdenken anregen und Vorurteile abbauen.

In meiner langjährigen, intensiven, psychotherapeutischen Behandlung habe ich sehr viel über meine eigene Kindheit und Jugend gelernt. Dabei auch die eigene Opferrolle (Sexueller Missbrauch, körperliche Misshandlungen und grobe emotionale Vernachlässigungen) erst so richtig erkannt, was ich zuvor jahrzehntelang weitestgehend verdrängt hatte. Ich habe auch viel über meine Zeit als Erwachsener gelernt, der noch sehr in seiner Kindheit verhaftet ist und lange Zeit in einer völlig falschen Welt gelebt hat. Gelernt habe ich weiterhin sehr viel über meine Opfer und deren Persönlichkeitsentwicklung und Identitätsfindung, die Folgen von sexuellem Missbrauch an Kindern sowie über die Sexualität eines Kindes, die in keinster Weise mit der eines Erwachsenen zu vergleichen ist. Nach vielen weiteren sehr wichtigen Lernprozessen habe ich dann auch sehr viel über meine eigene Pädophilie gelernt. Ich muss zugeben dass ich das Meiste vorher noch nicht gewusst hatte. Die wichtigsten Lernprozesse waren das Aufbrechen meiner Wahrnehmungsverzerrungen, der Rechtfertigungs- und Verharmlosungsstrategien, der kognitiv verzerrten Gedankenwelten und auch zu erkennen, dass ich in einer erträumten Wunschwelt gelebt hatte.

Die Angst und die Befürchtung, wieder einen Jungen sexuell zu missbrauchen, habe ich heute kaum noch. Heute fühle ich mich zumindest in dieser Richtung stabil und sehr sicher.

Warum bin ich dann aber Ende 2008 zu meiner Therapeutin gegangen und habe ihr gesagt, dass ich ein triebdämpfendes Medikament einnehmen möchte?

Schon als Kind litt ich, teilweise ohne äußere Beeinflussung, unter ganz plötzlich auftretenden teils sehr heftigen Sexualphantasien.

Zum Beispiel in der 5. Klasse, ich war damals 11 Jahre alt. Wir haben uns im Filmraum der Schule einen Filmbeitrag zur Abholzung des Urwalds in Brasilien angesehen. Ich erinnere mich noch genau dass während des Filmes plötzlich heftige Sexualphantasien bei mir aufkamen. Ich zog in Gedanken Phantasiejungen oder kleine Jungen die ich vom Schulhof vom Sehen her kannte aus und streichelte sie. Vom Film habe ich dann kaum noch etwas mitbekommen. Als Hausaufgabe sollten wir dann über den Filmbeitrag einen Bericht schreiben, was mir aufgrund der Situation dann kaum noch möglich war.

Solche und ähnliche Phantasien kamen immer häufiger bei mir auf. Als Jugendlicher und auch als Erwachsener hat sich das bei mir nicht verändert. Später, mit fast 30 Jahren, hatten diese Phantasien und die Masturbation schon sehr lange einen regelrechten Suchtcharakter angenommen. Das ging einher mit dem Beginn meines Konsums von Kinderpornobildern aus dem Internet. Gelitten habe ich darunter, aber ich habe das kaum bemerkt, denn ich war das ja von Kindheit an nicht anders gewohnt. Ich kannte nichts anderes und bemerkte gar nicht, dass die Pädophilie, Sexualphantasien und die Masturbation fast zu meinem einzigen Lebensinhalt wurden! Die Homopädophilie hatte immer mehr Besitz von mir ergriffen. Ich mochte keine Erwachsenen, wohl auch weil sich in meiner Kindheit kein Erwachsener sonderlich für mich interessierte. So interessierte ich mich auch nicht sonderlich für Erwachsene, sondern die Sexualität nahm diesen Part in meiner Persönlichkeit fast vollständig ein.

Im Laufe der Therapie und durch viele neu gewonnenen Erkenntnisse fing ich an, unter den Phantasien zu leiden – weil sie einfach fast jeden Tag aufkamen – und ich langsam auch das Quälende daran erkannte. Die ständig auftretenden Phantasien bin ich nur durch tägliche Masturbation losgeworden. Außerdem konnte ich den Drang nach Kinderpornos aus dem Internet trotz intensiver Psychotherapie nicht ganz abbauen. Auf lange Sicht hatte ich auch noch Angst und Befürchtungen, dass ich eines Tages wieder mit der Internetkriminalität anfange.

Eines Tages kam ich zum Schluss, dass es so nicht weiter gehen kann, und wollte zumindest die quälenden Anteile meiner Pädophilie loswerden.

Der Sexualimpuls, die Phantasien und die Masturbation nahmen im Laufe meines Lebens einen so hohen Stellenwert ein, dass ich kaum noch gelebt habe. Dass ich das Ganze nicht ganz loswerde, ist mir schon klar gewesen, aber ich wollte ja nur, dass es etwas weniger wird, dass ich dann besser mit allem umgehen kann und mein Leben erträglicher, vielleicht auch sehr viel einfacher und lebenswerter wird.

Meine Therapeutin hat sich dann im Team mit ihren Kollegen beraten und mir Salvacyl® (Wirkstoff: Triptorelin) empfohlen. Seit Anfang 2009 wird mir alle 3 Monate eine Spritze injiziert, also viermal im Jahr.

In den ersten Monaten bemerkte ich keinerlei Veränderungen an mir. Nach etwa 6 Monaten jedoch fingen die Veränderungen an und nach einem Jahr hatten die Sexualphantasien erheblich nachgelassen. Auch das Verlangen nach Masturbation ließ um vieles nach. Das liegt auch daran, dass Salvacyl® die Produktion des männlichen Sexualhormons Testosteron blockt bzw. verhindert. Eine solche Hormonbehandlung ist mit einer chirurgischen Kastration gleichzusetzen. Die deutliche Abnahme sexueller Phantasien und Impulse habe ich sehr schnell als Erleichterung, ja sogar als regelrechte Befreiung empfunden.

Allerdings stellte sich in meinem Kopf auch eine Art Leere ein. Diesen Platz in meiner Persönlichkeitsstruktur hatte ja zuvor die Sexualität eingenommen. Diese leer gewordenen Bereiche in meiner Persönlichkeit führten bei mir dann zu einer depressiven Krise, denn mit dieser Leere konnte ich zunächst nicht viel anfangen. Therapeuten und sehr gute Betreuer haben mich dann dazu ermuntert die Leere mit Aktivitäten, die nichts mit Sexualität zu tun haben, zu füllen. Leichter gesagt als getan. Ich war schon als Kind ein sehr ruhiger, schüchterner, sensibler und zurückhaltender Mensch, der sicherlich nie ein aktiver Partytyp werden wird. Jahrzehnte hatte mich die Sexualität im Griff, nun plötzlich nicht mehr, dass ist natürlich nicht einfach – das haben mir auch alle Betreuer vorausgesagt. Mit Hilfe der Therapeuten, Ergotherapeuten und Betreuer habe ich dann doch angefangen aktiv zu werden und die Leere zu bekämpfen und sie auszufüllen. Widerwillig und mürrisch habe ich dann an verschiedenen, in meinem speziellen Fall auch teilweise vorgeschriebenen, Aktivitäten teilgenommen. Diese Aktivitäten begannen mir dann aber auch sehr viel Spaß zu machen. Ein ganzes Jahr brauchte ich, um die innere Leere langsam zu füllen und somit auch intensive Strukturen in mein Leben einzubauen.

Nun sind schon fast zweieinhalb Jahre seit Beginn der Hormonbehandlung vergangen. Wie schnell doch die Zeit vergeht. ;-)

Mit der Zeit bin ich viel selbstständiger geworden, was meine Aktivitäten angeht. Hilfe von den Betreuern brauche ich immer weniger.

Zu meinen neuesten Aktivitäten gehört der Besuch auf dem städtischen Fußballplatz. Ein Mitbewohner aus meiner Wohngruppe spielt in einer Fußballmannschaft der Kreisliga aktiv mit. Nachdem er mich fragte, ob ich nicht mal Lust hätte ihn bei einem Heimspiel als Zuschauer zu unterstützen, habe ich das dann auch gemacht. Viele Zuschauer haben mich als Angestellten der Tankstelle – wo sie auch Kunden sind – erkannt und freudig begrüßt. Die Atmosphäre in der Kreisliga mit nur einem Schiedsrichter gefällt mir sehr. Wenn z.B. ein Trainer wütend auf den Schiri einbrüllt und kurz vor einem Herzkasper steht bekommt man alles hautnah mit. Wenn mein Dienstplan es zulässt besuche ich nunmehr alle Heimspiele des Vereins. Ich selbst werde bald der Herrenmannschaft dieses Vereins beitreten.


Körperliche Nebenwirkungen durch die hormonelle Behandlung habe ich nur wenige. Hitzewallungen tauchen öfter mal auf. Des Weiteren habe ich den Eindruck, dass meine Genitalien, insbesondere der Hoden, im Laufe der Behandlung kleiner geworden sind. Das ist aber kein „großes“ Problem für mich, denn ich werde ohnehin niemals nackt im Bett neben einer Frau liegen, die sich über meine zu kleinen Hoden lustig machen könnte. ;-D

Brüste sind mir nicht gewachsen und ich habe auch nicht an Gewicht zugenommen, was wohl zu den schlimmsten Befürchtungen von Pädophilen gehört. Ich war schon als Kind immer schlank gewesen und ein eher sportlicher Typ. Das ist auch heute noch der Fall. Sonstige körperliche Einschränkungen wie Müdigkeit oder Ähnliches habe ich auch nicht. Ich kann ganz normal Sport treiben oder einer geregelten Arbeit nachgehen, wie jeder andere Mensch auch.

Allerdings gehört Salvacyl® auch zu der neuesten Generation von triebdämpfenden Mitteln. Im Gegensatz zu Androcur® hat Salvacyl® wesentlich weniger Nebenwirkungen und gilt im Allgemeinen als verträglicher. Androcur® muss auch alle 2 Wochen injiziert werden. Salvacyl® dagegen hält 3 Monate vor und muss erst dann wieder gegeben werden, was ich sehr viel angenehmer finde.


Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich die quälenden Anteile meiner Pädophilie weitestgehend losgeworden bin. Meine Hoffnungen, die ich in diese hormonelle Behandlung gesetzt hatte, haben sich also voll erfüllt. Vieles kann ich heute gelassener und lockerer sehen, was mir früher kaum möglich war. Ich fange nun endlich an, wirklich zu leben. Das wurde mit 44 Jahren auch mal Zeit, oder?

Trotz intensiver Hormonbehandlung und psychotherapeutischer Betreuung bin ich natürlich trotzdem lebenslang pädophil. Ich merke das an bestimmten Situationen, denen ich auf der Straße, an meinem Arbeitsplatz oder in der Stadt begegne. Zum Beispiel wenn ich im Kaufhaus am Marktplatz einige Einkäufe erledigen möchte. Nichtsahnend schlendere ich über den Marktplatz in Richtung des Kaufhauses. Plötzlich entdecke ich 2 etwa neunjährige Jungen die splitternackt mitten auf dem Marktplatz am Brunnen mit den Wasserfontänen spielen. „Große Augen“, „dicke Backen“ und „Bauchkribbeln“ stellen sich dann bei mir ein. Ich muss zugeben, dass mich solche plötzlich auftretenden Situationen nach wie vor nicht kalt lassen. Trotzdem kann ich heute gelassener darauf reagieren als früher. Ich freue mich auch für die beiden Jungen, dass sie so selbstbewusst, frei und unbeschwert mitten auf dem gut gefüllten Marktplatz herum toben können. DAS hätte ich mich als Kind niemals getraut, denn dazu war ich viel zu verklemmt und schüchtern.

Tägliche Masturbation (unter besonderen Umständen sogar zwei mal am Tag), tägliche Sexualphantasien die ich nicht um- oder ablenken konnte, nach der Arbeit schnell wieder nach Hause, vorher noch schnell Einkaufen, damit ich nicht noch mal von zu Hause weg muss, Isolation, Kontaktarmut, Einsamkeit, Depressionen, Stimmungsschwankungen, tägliche Suche im TV nach süßen Jungen, tägliche Suche im Internet ob Irgendeiner neue Bilder von Jungen gepostet hat, Chat mit anderen Pädophilen. Ich war immer sehr froh wenn ich in meiner Wohnung die Haustür hinter mir schließen konnte, denn dann fühlte ich mich erst gut, so nach dem Motto: Haut doch alle ab und lasst mich in Frieden!! So ungefähr sah meine Welt vor der Therapie jahrelang aus. In dieser Welt fühlte ich mich sicher und sogar auch geborgen. Nun mögen viele die das jetzt lesen entsetzt sagen: „Wie kann man sich in einer solchen Welt auch noch geborgen und sicher fühlen?“, „Wie kann man in einer solchen Welt überhaupt leben/überleben?“ Dazu kann ich nur sagen, dass ich eine andere Welt nicht kannte. In dieser Welt hatte ich mich über eine sehr lange Zeit eingerichtet. In dieser Welt kannte ich mich aus und eine andere Welt gab es für mich nicht. Genau in dieser Welt habe ich auch die Missbrauchstaten an den beiden Jungen begangen.


Jeder Pädophile, der erkennt, in dieser oder einer ähnlichen Welt zu existieren, sollte aufgrund meiner persönlichen Erfahrungen dringend, bevor es zu spät ist (!), Hilfe in Anspruch nehmen.

Das Medikament hat mir einen gewaltigen Stoß in eine andere Welt verpasst. Mit der Abnahme der Sexualität kann ich auch viel besser auf Erwachsene zugehen und Kontakte aufbauen, was ich vorher kaum konnte. Ich bin aktiver geworden und nehme wieder am Leben teil. Ich habe es nach und nach geschafft, aus meiner alten in eine neue Welt auszubrechen. Heute erkenne ich, dass die neue Welt, die ich mir mit sehr viel Hilfe von Therapeuten und Betreuern und der Hormonbehandlung aufbauen konnte, lebenswert ist. Die alte Welt war nicht lebenswert, denn dort habe ich nur existiert und sonst gar nichts.

Trotzdem muss ich zugeben, dass noch Teile meiner alten Welt in mir drinnen stecken. Depressive Phasen, Rückzugstendenzen und Stimmungsschwankungen habe ich auch heute noch. Doch auch das ist wesentlich besser geworden. Außerdem geht es in einer Therapie wohl kaum um vollständige Heilung, sondern immer nur um Besserung, Veränderung und umkehren, in eine andere Richtung lenken, egal ob der Proband ein Kind, Jugendlicher oder Erwachsener ist.


Zum Schluss möchte ich nochmals darauf hinweisen, dass der hier geschriebene Text meine ganz persönlichen Erfahrungen darstellt und sich nicht 1 zu 1 auf andere Pädophile übertragen lässt, auch wenn die Persönlichkeit und der Sexualimpuls ähnlich erscheinen mögen.

Ferner möchte ich mich bei allen bedanken, die sich die Zeit für meinen Bericht genommen haben. Ich hoffe, dass ich mit diesem Text zum Nachdenken anregen und ein par Vorurteile gegenüber der Hormonbehandlung ausräumen konnte.

Wenn mein Text irgendjemandem dabei hilft, seinen Leidensdruck zu beenden oder zu mildern, oder gar dabei, nicht zum Täter zu werden, dann hat sich die Mühe bereits gelohnt.

 

© 2011 Jonas

aktualisiert: 14.12.2011